Geschichte

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Inhaltsverzeichnis

Preußisch Ströhen, die Geschichte eines Dorfes

Stroden 1080: Der Forstbann der Gisela

1033, vor 975 Jahren, wurde dem Bischof von Minden der Besitz Rahdens und anderer Ländereien vom Kaiser besiegelt. Der Forstbann Stroden, und damit Ströhen, wird etwa fünfzig Jahre später in einer Urkunde genannt, mit der der bedeutende Osnabrücker Bischof Benno II. die Güterschenkung einer Edelherrin Gysla aus seinem Kirchspiel Drebber im Zeitraum 1080 bis 1088 bestätigt. Das Wort „Stroden“ wird in der Regel mit dem Begriff Strutten für Niederwald gedeutet. Aber auch der altsächsiche Begriff streu für fließendes Wasser wird als Wurzel vermutet, womit „Ströhen“ noch älteren Ursprungs wäre.

1248

Der Forstbann Stroden ist dann wohl 1248 aus dem Besitz des Hochstiftes Osnabrück in den Besitz des Mindener Hochstiftes getauscht worden, als beide Bistümer die gemeinsame Burg Stürenberg bei Lemförde gegen die Diepholzer Edelherren errichteten. Der Stroden befand sich ja ohnehin innerhalb der Grenzen des Bistums Minden, denn dessen Nordgrenze führte von Colnrade im Nordwesten über Stolzenau an der Weser bis nach Celle im Nordosten. Dieser seit Karl dem Großen bestehenden Grenze zum Bistum Bremen gehörigen Respekt zu verschaffen, tat sich das allezeit in Verpfändungen verstrickte Bistum immer schwer.

1311 - Erste Nachrichten aus Ströhen

1311 wird dem Johann von Roden vom Mindener Bischof eine Rente auf seinen Hof im Stroden bewilligt, nachdem die Güter Johanns vom Bistum übernommen und Rahden als Kirchort und Bollwerk gegenüber Diepholz verstärkt worden war. 1311 wird also erstmals Besiedlung in Ströhen erwähnt. Die Besiedlung bestand aber sicher schon seit Naturland-Zeiten, denn die Pollenanalysen aus dem Karlsmoor beinhalten Siedlungsanzeiger aus der Bronzezeit, wie Wegerich und Roggen. Es haben Hügelgräber bestanden, die zu Ackerland gemacht wurden. Und sicher auch Großsteingräber, deren begehrtes Material allerdings für die Gründungen von Gebäuden herangezogen worden ist, als man im Frühmittelalter vom haushandwerklichen Pfostenbau zum langlebigen, von Zimmerleuten errichteten Ständerbau überging.

1500 - 1650 - Jahrhunderte lang die Streithähne am Hals

In ungeklärten Grenzbereichen, wie im Stroden der Fall, waren Gewaltakte gegen die Bauern des Gegners, mit denen man diesem zu schaden gedachte, gefürchtet und leider häufiger zu erwarten. Im Rahdener Land, wie auch anderwärts, suchten sich die Leute mit kleinen Fluchtburgen und festen Lehmspeichern zu schützen, in Ströhen etwa mit einer Anlage im ehemaligen Mündungsdreieck von Großer Aue und Röcke (Kleine Aue), wo das Urkataster von 1827-28 auf dem Schlechtingerort für die Doppelhofanlage Nr. 16 und 17 die Flur „Quappenburg“ ausweist. Die Wurzel des Namens ist wohl in „Quebbe“ zu sehen, was eine unsichere Schwimmlanddecke im Moor bezeichnete. Das könnte ein guter Platz für einen Pfahlbau mit Zugbrücke gewesen sein, vielleicht noch im Dreißigjährigen Krieg 1618-48.

Sicher sind die Sippen der Edlen und Freien auch der Jahrhunderte langen Auseinandersetzungen untereinander um Machtanteile, die ihnen der Hochadel sowieso nicht zugestand, müde geworden. Bezeichnenderweise erhielten die Diepholzer erst 1531 den Grafentitel, nachdem sie 1512 ihr Einflussgebiet dem Herzog von Braunschweig-Lüneburg zur Rückbelehnung übertragen hatten. Und ein Vertragspassus bewirkte dann mit dem Aussterben der Linie schon 1585 die Auflösung der Grafschaft. Sehr ähnlich und beinahe gleichzeitig erging es der Herrschaft Hoya und der Vogtei Auburg-Wagenfeld. Letztere war aber an Hessen-Kassel gefallen, und der Landgraf übergab seinem unehelichen Sohn Philipp Wilhelm von Cornberg die Auburg. Dieser kaufte kurz darauf auch das Rittergut Hüffe. Den Mauern der Rahdener Burg sind die Cornberger ebenfalls nicht unbekannt geblieben.

1807 - Auch in Ströhen kommt das neue Denken an

Riesige Veränderungen dann gut zweihundert Jahre später für die Ströher und ihre Umgebung, einschließlich Wagenfeld-Auburg, als sie von 1807 bis 1813 mit allen Nachbarn wahlberechtigte Bürger von Napoleons Gnaden waren, ab 1816 aber bereits wieder an der Auslandsgrenze zum Königreich Hannover festsaßen. Die angesehenen Cornberger kutschierten immer noch den Postweg von Wagenfeld über Ströhen-Hoyaerort, wo die Aue zu überwinden war, durch das Rahdener Land und besuchten die inzwischen in Westfalen sich üppig verzweigende Verwandtschaft, denn der Auburger Urahn hatte mit zwei Ehefrauen zwanzig Kinder gehabt.

Ein entscheidendes Jahrhundert, genau von 1804 bis 1904, ist die Zeitspanne der Markenteilung gewesen. 1804 wandten sich die ersten Ströher Bauern an die Preußische Regierung von Minden-Ravensberg mit der Forderung, ihren Höfen die nach uraltem Gewohnheitsrecht genutzten Gemeinen Marken als Eigentum zu verbriefen. Dahinter standen die Gedanken, die weitere Zerstörung der an Gehölzen reichen Fluren durch Überweidung - die Umbildung in wertlose Heiden - aufhalten zu müssen, die Existenzgrundlage der Höfe und ihrer Heuerlinge zu sichern, das Entstehen von Neusiedlerstellen in den Marken zu verhindern.

Richtig in Gang kam die Markenteilung nach den napoleonischen Kriegen ab 1816. Die Landräte des Kreises Rahden bzw. Lübbecke, die Regierung Minden und die hannoversche Sonderstelle in Sulingen haben mit den Ströher Bauern zusammen Jahrzehnt auf Jahrzehnt an einem großen landeskulturellen Werk gearbeitet. 1804 waren Fehler entstanden, die nicht wiederholt werden durften. Vor allem war klar geworden, dass man nur mit der Erstellung eines Katasters eine Rechtsgrundlage gewinnen konnte, was auch geschah. Noch heute werden diese mit feiner Feder und farblich ausgearbeiteten Risse, für die Höfe von Mindener Militärgeodäten je einzeln auf einem großen Bogen angefertigt, sorgfältig im Archiv verwahrt.

1827 - Urland, die Fluten und die Ströher Lösung

Das Urkataster von 1827-1828 war aber nur eine Hürde. Mit den außerordentlichen Fortschritten bei der Landeskultur in den Einzugsgebieten der Wiekriede, der Röcke (Neuer Canal oder Kleine Aue), der Großen Aue und des Kleinen und Großen Dieckflusses war es zu absolut unerträglich häufigen Überflutungen in Ströhen gekommen. Der Naturraum des Forstes Stroden, des von nacheiszeitlichen Fluten pfannenförmig aufgeschwemmten Vereinigungsgebietes der Flüsse, das sich noch heute auf Karten markant darstellt, war wohl den Niederschlägen gewachsen, nicht jedoch dem Spatenfleiß der Menschen des Umlandes. Dieses Umland bestand einerseits aus den nördlichen, zunächst unangetasteten und wasserhaltenden Sümpfen und Mooren im Raum Wagenfeld, andererseits aus der südlich gelegenen Rahdener Geest mit den Bauerschaften von Nordel bis Oppendorf und dem übrigen Kreis Lübbecke. Wagenfeld ist übrigens eine sprachliche Ableitung von Waken-Feld, was eine mit offenen Wasserstellen übersäte baumlose Gegend bezeichnet. Dieses Land entwässert heute über die Wagenfelder Aue in die Hunte.

1850 - Der "ewige Roggenbau"

Nur 3,1 Prozent der Wirtschaftsfläche eines Hofes war um 1850 Ackerland und für den „ewigen Roggenbau“ geeignet. Unverzichtbar auch Laubheu, Graswuchs und Viehtriften. In das Gesamtvorhaben brachte man deshalb die Kanalisierung des Aue-Systems mit ein. Die „Große Graberei“ wurde 1855 bis 1857 durch die neu gegründete Rahdener Sozietät ausgeführt. Der Gewinn an Acker war enorm. In Tielge sah man Land. Aber bereits der Chefplaner jener Zeit sagte voraus, dass diese Planungen für ein Gebiet von 10500 Hektar nicht befriedigen würden. Und siehe: 1959 bis 1969 führte der Wasserverband Große Aue einen noch größeren Ausbau auf der Grundlage von über 43 Tausend Hektar durch, nachdem Niedersachsen den Unterlauf entsprechend ausgebaut hatte.

Sowohl die Ablösungen von der Grundherrschaft in Preußen, als auch die Markenteilung, die Auekanalisierung und so mancher Prozess waren für die Grundeigentümer teure Vorgänge. Die 13 Heuerorter Bauern, schon immer Glieder der Rahdener Kirche und mit ihr seit 1648 preußisch, mussten sich sogar von hannoverscher Herrschaft ablösen lassen, denn – längst vergessen! – das Erbe der Grafen Hoya-Stumpenhausen war 1582 an die Vorläufer des Königreiches Hannover gefallen. Noch obendrein hatte sich eine ganz andere Sorge in Ströhen fest eingenistet: Infolge des Verfalls der Leinenweberei herrschte in vielen Häusern inzwischen der bitterste Hunger; unser Landstrich war zum Armenhaus des industriell unterentwickelten Regierungsbezirkes geworden. Von Ermüdungserscheinungen in Ströhen ist uns bei alle dem Ungemach nichts überliefert, dagegen wird von Hartnäckigkeit der Ströher in Verhandlungen berichtet.

1843 - Im Aufbau: Bauerschaft Ströhen, Schule, Kirche

Nachdem die Bauerschaft 1843 als Gemeinde im Amtsverband Rahden verselbständigt worden war, strebte man auch nach kirchlicher Unabhängigkeit. Diese wurde 1847 verwirklicht, und noch im selben Jahr nahm Pfarrer Eduard Knolle, vorher Privatlehrer in Rahden, die erste Beerdigung auf dem neuen Ströher Friedhof vor. Im nächsten Jahr entstand nördlich angrenzend das Pfarrhaus, 1857 südlich angrenzend die Immanuelkirche. Die baufällige Ströher Klus der Pfarre Rahden wurde abgebrochen und in Hannoversch Ströhen als Schmiede wieder aufgebaut. Der ehemalige Klus-Standort an dem alten Hauptweg von Rahden nach Norden war ein strategischer, denn er befand sich auf Ströher Gebiet zwischen dem Ströher Haus Nr. 63 und dem Heuerorter Haus Nr. 74 (einer Gastwirtschaft; Gatzenkröger) und dokumentierte damit die Zugehörigkeit – mindestens ins 16. Jahrhundert zurückreichend! – der 13 Hoyaer Bauern zum Kirchspiel Rahden.

Mit dem Kirchenbau gegenüber der bereits sehr alten Schule waren die ersten Schritte zur Bildung einer Ströher Ortslage getan. 1818 war ein älteres Schulhaus durch einen Neubau ersetzt worden. Die Anfänge der Ströher Schule können auf 1650 datiert werden. Lehrer Lohmeier unterrichtete im Winter etwa 30, im Sommer etwa 10 Kinder, wobei bei 11 großen und zahlreichen geringen Hausstätten eigentlich mit einer höheren Schülerzahl zu rechnen gewesen wäre. Aber es gab ja vor 350 Jahren viel Kinderarbeit - und so wenig Einsicht und noch seltener das Schulgeld. Übrigens führten der Sohn und darauf ein Enkel des Lohmeier die Ströher Schule in das 18. Jahrhundert. Am Ende beschulte man im 20. Jahrhundert in 4 Ortsteilsschulen an die 350 Kinder, bis in den 1960ern sinkende Schülerzahlen und große Schulreformen das Bild veränderten. Jetzt sind wir aber an einem Punkt angekommen, an dem auf die Lektüre des „Ströher Buches“ von 1997 aufmerksam gemacht werden muss, in dem Fachleute alle Einzelheiten fein aufbereitet haben. Für diesen Beitrag ist der Stoff aus der modernen Zeit Preußisch Ströhens zu umfangreich.

Ab 1900 - Die „neue Zeit“ beginnt in Ströhen vor 100 Jahren

Gebannt und verwundert erkennt man heute in den Rissen des Urkatasters den enormen Umfang der elf bedeutendsten Ströher und Heuerorter Hofanlagen im 19. Jahrhundert. Da finden sich zehn, fünfzehn Gebäude auf einem ausgedehnten Hofgelände; das Ganze ähnelt einem Dorf. Zunächst kaum wahrgenommen, verloren diese Anlagen mit den in der Zeit der Industrialisierung hervorgerufenen Wandlungen der Landwirtschaft ihre Funktion und wurden zu arbeitsaufwändig. Die Globalisierung lehrt uns heute Ähnliches. Der 1900 erfolgte Bau der Eisenbahn brachte einen weiteren Anschub zur Intensivierung. Am Bahnhof Ströhen-Wagenfeld entstanden Handels- und Handwerksbetriebe. Kalk, Düngemittel und Maschinen konnten bezogen und viel mehr Vieh verhandelt werden. Das brachte die Stallhaltung von Vieh, besonders von Schweinen, mächtig voran. Neben den drei in Ströhen vorhandenen Windmühlen nahm am Bahnhof eine Motormühle, die auch den ersten elektrischen Strom in Ströhen lieferte, seinen Betrieb auf.

So lebt sich‘s im Stadtteil Preußisch Ströhen

Die heutige Ortschaft Preußisch Ströhen stellt im Stadtgebiet Rahden einen Anteil von rund 3500 Hektar dar. Hier leben gut 2000 Einwohner, beschäftigt in Landwirtschaft, Handel, Handwerk, mittelständischem Gewerbe und in den infrastrukturellen Einrichtungen, oder sie haben eine auswärtige Arbeitsstelle. Die Flexibilität der Landwirtschaft dokumentiert sich beispielsweise in einer Biogasanlage. Vereine mit bis 600, 800 Mitglieder, dabei der Werbeverein mit 60 angeschlossenen Betrieben, bezeugen viel Gemeinsinn. Neuerdings richtet sich das Augenmerk erfolgreich auf die Förderung des Tourismus. Dafür ist der NRW-Nordpunkt, der auf einem im preußisch-hannoverschen Staatsvertrag vom 25. November 1837 besiegelten Grenzpunkt basiert, ein Zeichen, aber auch die offene Radfahrerkirche der rührigen Kirchengemeinde, die Eisenbahn-Draisinenstrecke, das umfangreiche Sport- und Freizeitgelände und zahlreiche andere Einrichtungen von Tielge bis Heuerort.

Bestand der Ortskern bis 1925 aus sieben Gebäuden, so ist die Ortslage bis heute auf rund hundert Häuser angewachsen. Der Gesamtbestand liegt bei 600 Hausnummern. Aus örtlicher Initiative ist eine Gesellschaft entstanden, die derzeit einen Einkaufsmarkt moderner Prägung errichtet, um in Preußisch Ströhen die Nahversorgung sicherzustellen, denn die vielen kleinen Geschäfte alter Art sind ja verschwunden. Stark ist der Wunsch in Preußisch Ströhen, als doch etwas abgelegene Ortschaft ein funktionsfähiges Dorfwesen erhalten zu können. Durch all die Zeiten hindurch ging es in der Gemeinschaft des Rahdener Landes vorwärts, seit 1033 und 1080/88, als man Deutsch noch gar nicht schreiben konnte, immerhin aber deutsche Wörter, wie Rahden oder Ströhen, experimentierfreudig in lateinische Dokumente aufgenommen hat.

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